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Media & Technology

Die Stellung von „Leitmedien“ im deutschen Zeitungsnetzwerk. Eine Analyse von Verweisstrukturen zwischen deutschen Regional- und Überregionalzeitungen. Utzinger, Kempermann (2015)

Abstract
Bei Betrachtung dieser Zahlen lassen sich in der deutschen Medienlandschaft Entwicklungen feststellen, die auf Veränderungen in der Presse hindeuten. Die Zahl von Publikationen und deren jeweiligen Verkaufszahlen scheinen stetig zu sinken und die Digitalisierung trägt ebenfalls ihren Teil zur Umlenkung des Medienkonsums in den Online-Bereich bei. Vogel (2014, S. 8) zählt neben dem Drift ins Internet weitere „jenseits der Digitalisierung wirksame Faktoren“ auf, die das Konsumverhalten der Deutschen und die damit verbundenen Veränderungen für die Printpresse nachhaltig beeinflussen: „Das (un)politische Klima in der Bundesrepublik, der Rückzug ins Private, Konsumorientierung, steigende Politik-Verdrossenheit, veränderte Mediennutzung durch die Einführung des Privatfernsehens, zunehmende Individualisierung sowie die Pluralisierung von Lebensstilen.“ Der deutsche Zeitungsmarkt steht dabei im internationalen Vergleich allerdings noch relativ gut da. Steffen Grimberg, ARD-Korrespondent, spricht beispielsweise von in den USA bereits bestehenden „zeitungsfreien Zonen“, also ganzen Gebieten, in denen keinerlei Redaktionen mehr ansässig sind. Hierzulande ist dieses Phänomen (noch) kaum vorhanden: “Bei der absoluten Mehrheit der Titel handelt es sich um Regional- und Lokalzeitungen. Die überregionale Presse spielt – anders als ihr Renommee und ihr politischer Einfluss denken lässt – unter Marktgesichtspunkten in Deutschland eine untergeordnete Rolle” (Grimberg, 2014). Abgesehen von aufgezeigten wirtschaftlichen Aspekten stellen sich bei zusammenhängender Betrachtung der aktuellen Lage im deutschen Zeitungsmarkt unter anderem Fragen nach der Rolle von regionalen und überregionalen Medien und der Form ihrer gegenseitigen Beeinflussung.

Nach diesem kurzen Exkurs in aktuelle Entwicklungen steht ein anderer Aspekt ebenfalls im Fokus unserer Analyse. Die Zeitungen, egal ob es sich um den Lokalanzeiger oder die überregionale Zeitung mit einer weitreichenderen Leserschaft handelt, verweisen in ihrer Berichterstattung häufig auf andere Zeitungen oder thematisieren deren Inhalte. Dies folgt aus der Tatsache, dass eine Redaktion zum einen unmöglich alle Themengebiete optimal abdecken kann und sich zum anderen Zeitungen gegenseitig beobachten, ergänzen und kritisieren. Diese Tendenz verstärkt sich umso mehr, da die zuvor erwähnte Negativ-Entwicklung der Verkaufszahlen in den letzten Jahren zu einem Mangel an finanziellen und personellen Ressourcen in den Redaktionen geführt hat. Welche Auswirkungen haben diese Trends für das Berichterstattungswesen in deutschen Zeitungen des 21. Jahrhunderts? Wie verändert sich die Verweisstruktur zwischen Zeitungen über Zeit? Und existieren möglicherweise Zeitungen, die eine exponierte Stellung in einem solchen Netzwerk einnehmen?

Die Inszenierung von Drogen als Metapher für eine „Greed is good-Ideologie“ – Gier als Erfolgsinstrument in „The Wolf of Wall Street.“ Utzinger (2015)

Abstract
Kultfiguren wie Gordon Gekko aus dem Klassiker „Wall Street“ (1987), dessen Charakter auf echten „Finanzhaien“ wie Ivan Boesky – der das Statement „Greed is good“ erstmals prägte – beruht, können sinnbildlich gebraucht werden, um die durch moralische Fragewürdigkeit, Kaltschnäuzigkeit und insbesondere Gier bestimmte Ideologie vieler Akteure der Wall Street – stellvertretend für die kapitalistische Marktwirtschaft – zu beleuchten. Gordon Gekko, der als erster die Moralität der Gier im Finanzsystem in Frage stellte. Eine „Greed is good- Ideologie“, von renommierten Wirtschaftswissenschaftlern wie Paul Krugman (2004) adaptiert, wurde in den öffentlichen Diskurs getragen. In Martin Scorsese’s „The Wolf of Wall Street“ (2013) werden ein realer Banker und seine Compagnons legendengleich als wohlhabende, überschwängliche und populäre Kultfiguren inszeniert, bei der viele Geschäfte und Praktiken die Grenze des Legalen überschritten haben: Jordan Belfort, der von sich selbst sagt: „My role models were Michael Douglas’s character, Gordon Gekko, in the movie Wall Street {…}“.

„The Wolf of Wall Street“ scheint in der Filmkritik und im Wirtschaftsjournalismus eine Welle der Euphorie und Empörung für die Arbeits- und Alltagswelt an der wohl berühmtesten Straße der Welt losgebrochen zu haben. Gier ist gut, sie wird wieder gefeiert und verehrt – obwohl doch ethische Grundsätze den luxuriösen und exzessiven Lebensstil, dem so viele in der Bankenszene nacheifern, eigentlich ausstechen sollten. Die unendliche Gier „nach mehr“ wird im Spielfilm durch ausufernden Konsum ausgelebt – der vielleicht signifikanteste Konsumgegenstand in „The Wolf of Wall Street“ (2013), das Objekt der Begierde neben dem großen Geld, sind Drogen. Diese Analyse soll die Inszenierung des Drogenkonsums untersuchen, welche das stete „Mehr-Haben-Wollen“ – die Verkörperung einer „Greed is good-Ideologie“ – repräsentiert. Welche Darstellung wird angeboten, um den eskalativen und selbstzerstörerischen Lebensstil der Protagonisten zu rechtfertigen? Welche sozial-ökonomischen Einflussfaktoren der Protagonisten veranschaulicht die Drogen-Metapher? Und welche Moral vertritt die Drogen- Metapher als ein Baustein des „Konstrukts Wall Street“? Ziel ist es dabei, ein tieferes Verständnis für die Frage zu gewinnen, welche Rolle der Drogenkonsum als Metapher für Moral und Gier in der globalen Finanzökonomie bietet.

Quality Television Series („Quality TV“) – charakteristische Merkmale für Quality TV als Genre vorhandener Mediengattungen. Utzinger (2016) 

Abstract
Das Ende des 20. Jahrhunderts auch wissenschaftlich immer intensiver untersuchte Phänomen aufwendig produzierter Fernseh-Inhalte, vorrangig in US-Privatsendern, erschuf eine neuartige Form serieller Erzählbarkeit – Produzenten wie Konsumenten bietet „Quality TV“ Raum zur Ausweitung des bisherigen Programm- und Rezeptionsangebots. Durch immer kürzere technologische Fortschritts-Zyklen verändert sich das Format stetig weiter und liefert aus medienwissenschaftlicher Sicht weiterführende Erkenntnisse über dieses Massenmedium als ein relevantes Kommunikationsinstrument unserer Gesellschaft. Quality TV produziert eine Form des seriellen Erzählens, welches eine Vielzahl an Charakteristika ausgebildet hat, die in ihrer Gesamtheit eine Zäsur in der Herstellung von Fernseh-Inhalten darstellen. Insbesondere die „Renaissance des Fortsetzungsformats“ (Blanchet, 2011) trägt zu einem neuartigen – zwar oftmals nur einem Nischenpublikum bekannten – Qualitätsanspruch mit „postmoderner Ästhetik“ (Eco, 1987) bei.

Technologische Fortschritte im Zusammenspiel mit medienökonomischen Entwicklungen der digitalen Medienproduktion ermöglichen Quality TV die Herstellung dramaturgischer Komplexität, welche einer „narrative Spielwiese“ gleicht und bei herkömmlichen Gattungen nicht vorhanden ist. Insbesondere die verschiedenartige Herstellung von Authentizität sticht als prägendes Werkzeug in der Innovationsfindung neuer Quality TV-Produkte heraus. Die grundlegende Offenheit der Narrationsstrukturen serieller Erzählungen jedoch bleibt unverändert. Es findet eine Verlagerung von Konsument zu „Prosument“ (Toffler, 1983) statt, welcher mittels parasozialer Interaktionen eine stärkere Immersion in die Inhalte des Quality TV ermöglicht. Die Entwicklungen dieser Nischenprodukte wirkt sich auch zunehmend auf „traditionelles Fernsehen“ aus, welches seine Rezeptionsarten ebenfalls stetig erweitert, keineswegs aber dasselbe Realitätsprinzip (Keppler, 1994) verfolgt wie Quality. Eine aktuelle Studie untersuchte die Durchbrechung der vierten Wand in der Serie „House of Cards“ (Golombek, 2016): Die Ergebnisse zeigen, dass diese parasoziale Interaktion das Unterhaltungserleben der Rezipienten beeinflussen kann.Authentizität in medialem Raum ist die Verkörperung von ästhetisierter Inszenierung realer Ereignisse. Quality TV als selbstreflexives Medium und Teil des Funktionssystems Massenmedien eröffnet Produzenten permanent neue Möglichkeiten der Reichweite und Intensität. Dennoch wird Quality TV im 21. Jahrhundert als „dritte goldene Ära des Fernsehens“ keine monopolistische Rolle in der Fernseh-Landschaft einnehmen – vorrangig aus medienökonomischen Gründen.

Propaganda – von „1.0“ auf „2.0“, analoge Mechanismen im digitalen Zeitalter. Utzinger (2016)

Abstract
Der Propaganda-Begriff (hierbei nach Sheryl Tuttle Ross, 2002) mit seinen zu erfüllenden Kriterien ist bei einer Überführung in das digitale Zeitalter nur bedingt beständig: In einer „post-truth era“ (Keyes, 2004) wird es immer schwerer, die Trennschärfe zwischen „Richtigkeit“ und epistemischer Fehlerhaftigkeit herauszuarbeiten: das Ziel moderner Propaganda ist ein Erklärungsmodell, welches in sich konsistent und einfach zu verstehen ist. Von Steintafeln über Flugblättern bis zum Fernseh-Gerät hat sich Propaganda stetig schneller ausbreiten können. Nun beschleunigen soziale Netzwerke diese Verbreitung von Inhalten und verändern dadurch die öffentliche Meinungsbildung in einer neuartigen Qualität: Es hält eine vollständige Mediatisierung von Propaganda Einzug. Die journalistischen, traditionellen Massenmedien verlieren dadurch zunehmend ihre Rolle als Watchdog der Gesellschaft (Hallin & Manchini, 2007). Mit sozialen Netzwerken wird nun das offene strategische Handeln von Akteuren über virale Effekte beschleunigt; Facebook & Co. entwerfen ein verändertes Mediensystem mit personalisierten digitalen Realitäten, in dem auch nicht-staatliche Individuen oder Gruppen ohne Regulierung Medienevents inszenieren können – sie werden zu Prosumern ohne Zutrittsbeschränkung zur Öffentlichkeit und schaffen „postfaktische Räume“ (Assheuer, 2016).

Mit sozialen Netzwerken wird nun das offene strategische Handeln von Akteuren über virale Effekte beschleunigt; Facebook & Co. entwerfen ein verändertes Mediensystem mit personalisierten digitalen Realitäten, in dem auch nicht-staatliche Individuen oder Gruppen ohne Regulierung Medienevents inszenieren können – sie werden zu Prosumern ohne Zutrittsbeschränkung zur Öffentlichkeit und schaffen „postfaktische Räume“ (Assheuer, 2016). Über Meinungsführer in sozialen Netzwerken werden propagandistische Effekte verstärkt übertragen; es herrscht eine integrale Erreichbarkeit der Massen. Eine stetig wachsende Wissenskluft ruft kognitiven Dissonanzen bei Individuen und dadurch den Hang zur emotionalen Entscheidungsfindung hervor, die bei der Rezeption von Inhalten „post-faktische“ Meinungsbilder entstehen lassen. Der sich durch die sozialen Netzwerken herauskristallisierte Begriff „Propaganda 2.0“ läutet ein neues Zeitalter der Persuasion ein.

 

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